{"id":362,"date":"2020-09-08T23:28:09","date_gmt":"2020-09-08T21:28:09","guid":{"rendered":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/?page_id=362"},"modified":"2020-09-15T10:32:28","modified_gmt":"2020-09-15T08:32:28","slug":"israelkritik-darf-man-das-eine-handreichung-zu-israelbezogenem-antisemitismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/themenbereiche-nach-15-9-2020\/israelbezogener-antisemitismus\/israelkritik-darf-man-das-eine-handreichung-zu-israelbezogenem-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Israelkritik \u2013 Darf man das? Eine Handreichung zu israelbezogenem Antisemitismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt ist vermutlich einer der pr\u00e4sentesten Konflikte in der deutschen Medienlandschaft und damit auch h\u00e4ufig Teil politischer Diskussionen von Erwachsenen, aber auch Jugendlichen. Nur selten wird man jemanden finden, der keine Meinung zu diesem Konflikt hat. Die Komplexit\u00e4t und lange Dauer des Konflikts sowie die h\u00e4ufig tendenzi\u00f6se Berichterstattung in Medien und Internet machen es au\u00dferdem relativ schwer, einen objektiven Blick zu wahren und die \u00dcbersicht u\u0308ber alle Zusammenh\u00e4nge, Entwicklungen und Hintergru\u0308nde zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter die Kritik am israelischen Staat in Medien und Politik mischen sich zudem h\u00e4ufig antisemitische Inhalte, deren \u00c4u\u00dferung ebenfalls oft Debatten in Medien und Politik nach sich zieht. Offener Antisemitismus wird in unserer Demokratie entweder von gesetzlicher oder von gesellschaftlicher Seite sanktioniert. Daher gibt es immer wieder den Versuch, ihn u\u0308ber eine Umwegkommunikation in Diskussionen hineinzutragen. Dafu\u0308r werden neben der &#8222;Schlussstrichdiskussion&#8220; vor allem oft der Nahostkonflikt und die sogenannte &#8222;Israelkritik&#8220; genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in p\u00e4dagogischen Kontexten herrscht daher oft auch eine Unsicherheit, inwieweit man den Konflikt zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern thematisieren sollte und welche Aussagen zu oder Kritikpunkte an Israel legitim sind. Die Angst, unbewusst antisemitische Stereotype und Bilder zu bedienen oder zu verbreiten, schreckt P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen immer wieder ab, sich im Unterricht mit dem Thema Nahost auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist es gerade im p\u00e4dagogischen Raum wichtig, antisemitische \u00c4u\u00dferungen nicht unwidersprochen zu lassen bzw. sich zum Nahostkonflikt \u2013 wenn die Diskussion u\u0308ber ihn Teil der Lebenswelt der Schu\u0308lerinnen und Schu\u0308ler ist \u2013 auch \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist problematisch an einem Begriff wie &#8222;Israelkritik&#8220; oder an Aussagen wie &#8222;Israel fu\u0308hre einen Vernichtungskrieg gegen die Pal\u00e4stinenser&#8220; oder &#8222;Israel mache mit den Pal\u00e4stinensern dasselbe wie die Nazis im Zweiten Weltkrieg mit den Juden&#8220;? Wie kann man gerechtfertigte Kritik von tendenzi\u00f6s antisemitischen Aussagen unterscheiden?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Handreichung soll Ihnen einige Kriterien zur Orientierung bei diesen Fragen zur Verfu\u0308gung stellen und Sie in Diskussionen zu den Themen Nahostkonflikt und Israel st\u00e4rken. Sie sollen dadurch bef\u00e4higt werden, auch im p\u00e4dagogischen Kontext sicher handeln zu k\u00f6nnen und israelbezogenen Antisemitismus leichter zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\"><strong><u>1. Definitionen<\/u><br>Antisemitismus<\/strong> ist eine Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die sich gegen ju\u0308dische Personen und Personengruppen, die als ju\u0308disch definiert werden, richtet. Diese werden dabei diskriminiert und systematisch ausgegrenzt, mit dem Ziel, die Eigengruppe bei gleichzeitiger Abwertung von empfundenen Fremdgruppen aufzuwerten. Hierfu\u0308r werden Chiffren, Codes und Verschw\u00f6rungstheorien herangezogen, die welterkl\u00e4renden Charakter haben und somit das Gefu\u0308hl erzeugen, einer elit\u00e4ren, wissenden Schicht anzugeh\u00f6ren. Bei all seinen Erscheinungsmustern bietet der Antisemitismus in letzter Instanz nie gewaltfreie L\u00f6sungsans\u00e4tze.<br>Der <strong>Zionismus<\/strong> (hebr.) war im 19. Jahrhundert eine politische bzw. religi\u00f6se Str\u00f6mung innerhalb des europ\u00e4ischen Judentums, deren Ziel die Errichtung eines eigenen ju\u0308dischen Staates war. Dies resultierte aus dem zunehmenden Antisemitismus der Gesellschaft und der Erkenntnis, dass auch die Emanzipation der Juden daran nicht viel \u00e4ndern wird. 1897 kam es zum 1. Zionistischen Weltkongress mit dem Pr\u00e4sidenten Theodor Herzl (1860\u20131904). Anfang des 20. Jahrhunderts folgten erste gr\u00f6\u00dfere Einreisewellen nach Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00e4ufige antisemitische Muster und Elemente der &#8222;Israelkritik&#8220;:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol><li><u>Juden werden als Kollektivt\u00e4ter dargestellt.<\/u><br>Die Kritik orientiert sich nicht am Staat Israel, sondern umfasst alle Juden weltweit. Die Begriffe &#8222;Israelis&#8220; und &#8222;Juden&#8220; werden als Synonyme verwendet und nicht klar voneinander getrennt. Es wird nicht beachtet, dass u\u0308ber die Politik des Staates Israel sowohl innerhalb der israelischen Bev\u00f6lkerung als auch unter den Juden weltweit harte Auseinandersetzungen gefu\u0308hrt werden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"2\"><li><u>Es werden verschiedene Ma\u00dfst\u00e4be angelegt.<\/u><br>Das Handeln Israels wird mit zweierlei Ma\u00df gemessen. Dabei gilt es sich zu fragen, ob \u00e4hnliche politische Handlungen anderer Staaten auch eine vergleichbare Kritik erfahren. Milit\u00e4rische und politische Aktionen Israels werden im Vergleich zu \u00e4hnlichen Aktionen anderer Staaten als bedeutender gewertet und es werden h\u00f6here moralische und ethische Ma\u00dfst\u00e4be an den Staat Israel angelegt als an andere demokratische Staaten. <br>Die extremste Form ist dabei die Leugnung des Existenzrechts Israels. Bei keinem anderen Staat fu\u0308hrt die Kritik am politischen und milit\u00e4rischen Verhalten so h\u00e4ufig zur Aberkennung der Daseinsberechtigung des Staates.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"3\"><li><u>Es kommt zu einer T\u00e4ter-Opfer-Umkehr.<\/u><br>Dieser Fall liegt vor, wenn zum Nahostkonflikt Vergleiche mit dem nationalsozialistischen Deutschland hergestellt werden. Dabei wird meist das Verhalten des Staates Israel gegenu\u0308ber den Pal\u00e4stinensern mit der Vernichtung der Juden in Europa gleichgestellt. Wortsch\u00f6pfungen wie &#8222;Endl\u00f6sung des Pal\u00e4stinenserproblems&#8220; oder &#8222;israelischer Vernichtungskrieg&#8220; beschreiben nicht etwa israelisches Vorgehen, sondern u\u0308bertragen deutsche Geschichte auf die Gebiete des Nahen Ostens. H\u00e4ufig erfu\u0308llen diese Argumentationen au\u00dferdem die Funktion der Schuldabwehr. Indem die Opfer von &#8222;damals&#8220; zu T\u00e4tern &#8222;von heute&#8220; stilisiert werden, soll die eigene (empfundene) Schuld relativiert werden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"4\"><li><u>Althergebrachte judenfeindliche Stereotype werden erneut genutzt.<\/u><br>Auch heute noch teilt verschiedenen Umfragen zufolge ein beachtlicher Anteil der deutschen Bev\u00f6lkerung antisemitische Ansichten. Auch im Zusammenhang mit &#8222;Israelkritik&#8220; werden h\u00e4ufig althergebrachte Vorurteile wiedergegeben. Beispiele hierfu\u0308r sind die Vorstellung, Juden wu\u0308rden sich einem auserw\u00e4hlten Volk zugeh\u00f6rig fu\u0308hlen und sich daher u\u0308ber andere &#8222;V\u00f6lker&#8220; stellen, oder die Bezeichnung Israels als &#8222;Kinderm\u00f6rder&#8220;, was Bezu\u0308ge zur mittelalterlichen Ritualmordlegende herstellt.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzend zu den oben genannten Punkten hilft der 3D-Test des israelischen Autors Nathan Sharansky, um tendenziell antisemitische Israelkritik zu erkennen. Die drei Ds stehen dabei fu\u0308r die Begriffe D\u00e4monisierung, Doppelstandard und Delegitimierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\"><strong><u>3D-Test<\/u><br>D\u00e4monisierung:<\/strong> Ein h\u00e4ufiges Beispiel fu\u0308r diese Art der Argumentation ist der Vergleich der israelischen Regierung mit der des Nationalsozialismus und die Gleichsetzung der pal\u00e4stinensischen Flu\u0308chtlingslager mit Konzentrationslagern wie Auschwitz. Dabei wird oftmals nicht zwischen Juden und Israelis oder der israelischen Regierung und der alles andere als homogenen Landesbev\u00f6lkerung unterschieden.<br><strong>Doppelstandard:<\/strong> Israel ist im Nahen Osten die einzige funktionierende Demokratie und symbolisiert somit viele westliche, uns wichtige Werte. Und doch sieht sich das Land st\u00e4ndig in der Beweispflicht, da an seine Politik andere Ma\u00dfst\u00e4be als an andere L\u00e4nder angelegt werden. So werden Menschenrechtsverletzungen in den nicht demokratischen Nachbarstaaten unkommentiert gelassen, w\u00e4hrend sie der israelischen Regierung vorgeworfen werden. Dies trifft beispielsweise zu, wenn Israel durch die Vereinten Nationen aufgrund von Menschenrechtsverletzungen geru\u0308gt wird, jedoch L\u00e4nder wie China, Saudi-Arabien und auch Syrien, bei denen der Missbrauch ohne Zweifel feststeht, ungeru\u0308gt bleiben.<br><strong>Delegitimierung:<\/strong> Hat man in der Vergangenheit versucht, die ju\u0308dische Religion oder auch die Zugeh\u00f6rigkeit zum ju\u0308dischen Volk zu negieren, so versucht man heute, Israel das Existenzrecht abzuerkennen. Dafu\u0308r wird behauptet, Israel sei das letzte \u00dcberbleibsel des europ\u00e4ischen Kolonialismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterfu\u0308hrende Literatur und Links<\/strong><br><u>Informationen zu Israel<\/u><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Dachs, Gisela: Israel kurz gefasst. \u2013 Bonn: Bundeszentrale fu\u0308r politische Bildung, 2016<\/li><li>Dachs, Gisela (Hrsg.): L\u00e4nderbericht Israel. \u2013 Bonn: Bundeszentrale fu\u0308r politische Bildung, 2016<\/li><li>Hagemann, Steffen: Israel. \u2013 Schwalbach: Wochenschau Verlag, 2013. (Analyse politischer Systeme ; 4)<\/li><li>Sznaider, Natan: Gesellschaften in Israel : eine Einfu\u0308hrung in zehn Bildern. \u2013 Bonn: Bundeszentrale fu\u0308r politische Bildung, 2019<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/268885\/israel\" target=\"_blank\">https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/268885\/israel<\/a><\/li><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bpb.de\/internationales\/asien\/israel\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.bpb.de\/internationales\/asien\/israel\/<\/a><\/li><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/funkkolleg-religionmachtpolitik.de\/themen\/16-ein-volk-ein-land-israel-und-juedische-identitaet\/#zusatzmaterial\" target=\"_blank\">https:\/\/funkkolleg-religionmachtpolitik.de\/themen\/16-ein-volk-ein-land-israel-und-juedische-identitaet\/#zusatzmaterial<\/a><\/li><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/268906\/juedisch-und-demokratisch-religion-und-staat-in-israel%22\/juedisch-und-demokratisch-religion-und-staat-in-israel\" target=\"_blank\">https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/268906\/juedisch-und-demokratisch-religion-und-staat-in-israel%22\/juedisch-und-demokratisch-religion-und-staat-in-israel<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><u>Zum p\u00e4dagogischen Umgang mit Antisemitismus<\/u><\/p>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/paedagogischer-umgang-mit-israelbezogenem-antisemitismus.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/paedagogischer-umgang-mit-israelbezogenem-antisemitismus.pdf<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.bs-anne-frank.de\/fileadmin\/user_upload\/Slider\/Publikationen\/Broschuere_Weltbild_Antisemitismus.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bs-anne-frank.de\/fileadmin\/user_upload\/Slider\/Publikationen\/Broschuere_Weltbild_Antisemitismus.pdf<\/a><\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt ist vermutlich einer der pr\u00e4sentesten Konflikte in der deutschen Medienlandschaft und damit auch h\u00e4ufig Teil politischer Diskussionen von Erwachsenen, aber auch Jugendlichen. 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