{"id":572,"date":"2020-09-13T22:44:07","date_gmt":"2020-09-13T20:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/?page_id=572"},"modified":"2020-09-18T22:38:38","modified_gmt":"2020-09-18T20:38:38","slug":"start-up-ein-spiel-zum-kapitalismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/themenbereiche-nach-15-9-2020\/verku%cc%88rzte-kapitalismuskritik\/start-up-ein-spiel-zum-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Start up \u2013 Ein Spiel zum Kapitalismus"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#8222;Kapitalismus ist Egoismus zum System erhoben&#8220;<\/p><cite>Gerhard Dunkl<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Fachliche Einfu\u0308hrung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eines der verbreitetsten antisemitischen Bilder ist das des &#8222;reichen, gierigen, u\u0308berm\u00e4chtigen Juden&#8220;, der im Gegensatz zu &#8222;den anderen&#8220; die undurchsichtige wirtschaftliche Welt nicht nur durchschaut, sondern sie auch beherrscht und steuert. Kritik an Kapitalismus und Globalisierung ist eine oft untersch\u00e4tzte Dimension des Antisemitismus. Dementsprechend ist die p\u00e4dagogische Behandlung der Zusammenh\u00e4nge von \u00d6konomie und Antisemitismus eine anspruchsvolle Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die komplexen und globalen Verbindungen und Zusammenh\u00e4nge in unserer Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft zu durchschauen, ist eine Herausforderung, die fu\u0308r den Einzelnen oft nicht in G\u00e4nze zu bew\u00e4ltigen ist. Noch weniger gelingt es in Situationen der Angst vor Kontrollverlust, die notwendige Auseinandersetzung mit den widerspru\u0308chlichen Strukturen unserer Gesellschaft und des Kapitalismus zu fu\u0308hren, die auf der einen Seite notwendig fu\u0308r das eigene Auskommen sind, aber auf der anderen Seite eine Zumutung darstellen. Oft wird stattdessen auf Konstrukte und Bilder zuru\u0308ckgegriffen, die einen Schutzraum fu\u0308r das Eigene bilden, andererseits jedoch das Fremde als die Ursache der Bedrohung identifizieren und es als Projektionsfl\u00e4che fu\u0308r alles Negative und Be\u00e4ngstigende anbieten. Diese Bilder und Vorstellungen werden vom Nationalismus, nationalen Populismus, der autorit\u00e4ren Bewegung und dem Antisemitismus geliefert.<sup><a href=\"#fussnote\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch jenseits der Rechten finden sich diese Deutungsmuster wieder. Immer wieder findet man in Diskursen und Medien Muster einer verku\u0308rzten oder regressiven Kapitalismuskritik. Der Kapitalismus wird in seiner Totalit\u00e4t dabei nicht wahrgenommen. Vielmehr wird zwischen einem &#8222;guten&#8220; und einem &#8222;schlechten&#8220; Kapitalismus unterschieden. Die Kritik an den kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen wird personalisiert (zum Beispiel &#8222;Heuschrecken&#8220;). Der Kapitalismus wird nicht als gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis mit abstrakten Zw\u00e4ngen verstanden, sondern es werden pers\u00f6nliche Verantwortliche fu\u0308r Armut, Ungerechtigkeit und Ausbeutung gesucht. Die Verbindungen zum Antisemitismus sind dabei stark. &#8222;Die Juden&#8220; werden dann schnell mit der &#8222;b\u00f6sen Seite&#8220; des Kapitalismus identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit muss sowohl die personalisierte Kapitalismuskritik als auch die Gegenu\u0308berstellung von &#8222;gutem&#8220; und &#8222;b\u00f6sem&#8220; Kapitalismus aufgreifen und dekonstruieren. Bessere Kenntnisse und ein Verst\u00e4ndnis der Funktionsweisen der kapitalistischen Wirtschaft k\u00f6nnen dazu beitragen, antisemitischen Weltdeutungen entgegenzuwirken. Das Modul liefert dazu einen Beitrag, indem es spielerisch die Zw\u00e4nge wirtschaftlichen Handelns im Kapitalismus darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass keinesfalls s\u00e4mtliche Kapitalismuskritik Anknu\u0308pfungspunkte zum Antisemitismus aufweist. Ein kritischer Umgang mit bestehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und eine Diskussion daru\u0308ber sollten Teil einer demokratischen Gesellschaft sein und sich auch im Bildungsraum wiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ziele:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die Teilnehmenden erlangen Grundkenntnisse u\u0308ber wirtschaftliches Handeln, die Finanzsph\u00e4re sowie u\u0308ber die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und Zw\u00e4nge in der kapitalistischen \u00d6konomie.<\/li><li>Die Teilnehmenden sind sich bewusst, dass alle wirtschaftlichen Akteure und Akteurinnen im Kapitalismus einer Profitorientierung, Konkurrenz und wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen unterliegen und dass dies oftmals in Widerspruch zu Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit steht. Sie verstehen bzw. erkennen, dass eine personalisierte Kapitalismuskritik zu kurz greift.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Kurzablauf:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<table id=\"tablepress-19\" class=\"tablepress tablepress-id-19\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1 odd\">\n\t<th class=\"column-1\">Ablauf<\/th><th class=\"column-2\">Methode<\/th><th class=\"column-3\">Material<\/th><th class=\"column-4\">Zeitumfang<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody class=\"row-hover\">\n<tr class=\"row-2 even\">\n\t<td class=\"column-1\">Einstieg in das Spiel<\/td><td class=\"column-2\">Thematisches Umrei\u00dfen, Gruppeneinteilung,<br \/>\nRegeln erkl\u00e4ren<\/td><td class=\"column-3\">\u2013 Vorbereitete Karten<\/td><td class=\"column-4\">5\u201310 Minuten<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3 odd\">\n\t<td class=\"column-1\">Durchfu\u0308hrung des Spiels<\/td><td class=\"column-2\">Spiel<\/td><td class=\"column-3\"><\/td><td class=\"column-4\">Ca. 30 Minuten<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4 even\">\n\t<td class=\"column-1\">Auswertung und Nachbehandlung<\/td><td class=\"column-2\">Rekapitulation<br \/>\nFragend-entwickelnde Methode<\/td><td class=\"column-3\">\u2013 eventuell Tafel\/Whiteboard<\/td><td class=\"column-4\">10\u201315 Minuten<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-19 from cache -->\n\n\n\n<p><strong>Ablauf:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1) Nach einem eventuellen thematischen Einstieg (optimal w\u00e4re es, wenn wirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge oder empfundene Ungerechtigkeiten im Zusammenhang mit Wirtschaft bereits Thema bei den Teilnehmenden waren) sollten Sie zun\u00e4chst die Regeln des Spiels erkl\u00e4ren (siehe unten) und die Teilnehmenden den Gruppen\/Rollen zuteilen. Die Einteilung sollte m\u00f6glichst freiwillig bzw. unter Beteiligung der Teilnehmenden stattfinden.<br>Es gibt sieben Rollen, die auch in Gruppenarbeit erfu\u0308llt werden k\u00f6nnen: <em>Gru\u0308nder\/Unternehmer, Arbeitnehmer, Immobilienmakler, Zulieferer, Kunden, Bank <\/em>und<em> B\u00f6rse\/Aktion\u00e4re.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>2) Das Spiel wird folgenderma\u00dfen durchgefu\u0308hrt. Nachdem die Rollen verteilt sind, liest sich jede Gruppe\/Rolle ihre Rollenkarte durch. Auf den Karten stehen die Ziele und weitere Informationen zur Ausgestaltung der Rollen. Lesen Sie sich vor dem Spiel alle Rollenkarten mindestens einmal durch, damit Sie u\u0308ber die Vorg\u00e4nge beim Spiel informiert sind und bei Bedarf moderierend oder erkl\u00e4rend eingreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ben\u00f6tigen au\u00dferdem noch Marker fu\u0308r die Ressourcen <em>Qualit\u00e4t <\/em>und<em> Geld.<\/em> Am besten eignen sich dafu\u0308r Spielchips. Die Rollen bekommen zu Beginn eine feste Anzahl der beiden Ressourcen, die auf den Rollenkarten vermerkt ist. Es sollten aber genu\u0308gend Ersatzmarker vorhanden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rollen sollten sich gut im Raum verteilen und gut sichtbar angezeigt sein, zum Beispiel durch Tischk\u00e4rtchen. Die meisten Rollen k\u00f6nnen dabei auch an einem Platz bleiben. Lediglich die <em>Gru\u0308nder\/Unternehmer<\/em> sollen im Raum umhergehen und mit den einzelnen anderen Rollen Verhandlungen fu\u0308hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Rolle hat eigene Ziele, die sie w\u00e4hrend des Spiels erfu\u0308llen sollte. Ein erfu\u0308lltes Ziel kann durch Abhaken gekennzeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die <em>Gru\u0308nder\/Unternehmer<\/em> bereit sind, ihr Produkt auf den Markt zu bringen, sagen sie das an und das Spiel endet. Bei Spielende werden eventuell noch existierende Anspru\u0308che abgehandelt (siehe Karten <em>Bank, Immobilienmakler, Kunden <\/em>und<em> B\u00f6rse<\/em>). Das Spiel endet au\u00dferdem nach einer vorher vereinbarten Zeit (wir empfehlen 30 Minuten).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn alle Anspru\u0308che abgehandelt sind, wird fu\u0308r jede Rolle u\u0308berpru\u0308ft, ob sie ihre Ziele erfu\u0308llt hat. Am interessantesten ist natu\u0308rlich der Erfolg der <em>Gru\u0308nder\/Unternehmer<\/em>. Fu\u0308r diese Rolle gibt es drei m\u00f6gliche Ausg\u00e4nge:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Das Geld geht ihnen aus, bevor sie alle Ziele erreicht haben. <i class=\"fas fa-arrow-right\"><\/i> Das Unternehmen scheitert, da sie vorher bankrott sind.<\/li><li>Alle Ziele werden erreicht, aber sie haben weniger als drei Geldpunkte (die H\u00f6he des Startkapitals). <i class=\"fas fa-arrow-right\"><\/i> Die Gru\u0308ndung des Unternehmens gelingt, aber es wird kein Gewinn erwirtschaftet.<\/li><li>Alle Ziele werden erreicht und die Geldpunkte sind gr\u00f6\u00dfer als drei. <i class=\"fas fa-arrow-right\"><\/i> Die Gru\u0308ndung des Unternehmens gelingt und es wird Gewinn erwirtschaftet.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>3) Zum Abschluss sollten Sie \u2013 neben der Auswertung des Spiels \u2013 zur Rekapitulation die M\u00f6glichkeit zum Gespr\u00e4ch geben, zum Beispiel in Form einer Diskussion. Hier k\u00f6nnen Sie offene Fragen und Begriffe kl\u00e4ren. Vor allem aber sollten sie mit den Teilnehmenden diskutieren, wie es ihnen beim Spielen gegangen ist und wo sie \u00c4hnlichkeiten zur &#8222;echten&#8220; Wirtschaft sehen. So k\u00f6nnen Sie zum Beispiel mit Ru\u0308ckgriff auf das Spiel die Frage stellen, wer die Schuld an wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten hat oder wer sich &#8222;gut&#8220; oder &#8222;schlecht&#8220; verh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anhang<\/strong><br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Rollenkarten.pdf\" target=\"_blank\">Rollenkarten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fussnote\"><sup>1<\/sup> Vgl. Adorno, Theodor W.: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kapitalismus ist Egoismus zum System erhoben&#8220; Gerhard Dunkl Fachliche Einfu\u0308hrung Eines der verbreitetsten antisemitischen Bilder ist das des &#8222;reichen, gierigen, u\u0308berm\u00e4chtigen Juden&#8220;, der im Gegensatz zu &#8222;den anderen&#8220; die undurchsichtige wirtschaftliche Welt nicht nur durchschaut, sondern sie auch beherrscht und steuert. Kritik an Kapitalismus und Globalisierung ist eine oft untersch\u00e4tzte Dimension des Antisemitismus. Dementsprechend ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":640,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/572"}],"collection":[{"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=572"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/572\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":692,"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/572\/revisions\/692"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hatikva.de\/schlussstrich\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=572"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}